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27. Mai 2022

Spielregeln und staatliche Förderung

Du kennst ihre Namen bestimmt schon: Riester-Rente, Rürup-Rente oder bAV bzw. Direktversicherung. Es handelt sich dabei um Finanzlösungen, mit denen Du Deine Altersvorsorge verbessern könntest und staatliche Förderung nutzen würdest. In Zeiten unsicherer Renten und steigender Inflation wird es wichtiger werden, erfolgreich vorzusorgen und etwas Geld zusätzlich zur Deutschen Rente zu bekommen. Aber auch die persönliche Freiheit, weniger oder kürzer zu arbeiten, ist ein starkes Motiv, hier zu handeln. Wer will schon von einem Sozialgesetzbuch abhängig sein?

Der Reiz staatlicher Förderung!

Grundsätzlich übt staatliche Förderung irgendwie eine magische Anziehungskraft auf Menschen aus. Das sahen wir 2009 bei der legendären „Abwrackprämie“ auf an sich noch produktive Fahrzeuge bei Anschaffung eines neuen Autos. Eine gigantische Subvention der Automobilwirtschaft – angeblich als Antwort auf die Finanzkrise. Wir fragen uns bis heute, was Autos mit kollabierenden Finanzsystemen zu tun haben sollen. Eine Erfolgsstory war es jedenfalls. Auch aktuell wird wieder reichlich indirekte Staatswirtschaft betrieben und allerlei subventioniert: Windkraft, E-Mobilität, Solaranlagen etc. Die VerbraucherInnen haben in der Regel recht wenig davon, denn die Förderung wandert regelmäßig in die Bücher der Unternehmen, weil sie als Aufschlag in die Preise einkalkuliert ist. Die Produkte sind am Ende oft nicht preiswerter als ungeförderte Substitute.

Bei geförderten Finanzprodukten gibt es immer gewisse Spielregeln. Diese eher qualitativen Merkmale sind wichtig und fallen bei zu vielen so genannten „FinanzberaterInnen“ und „Finanzcoaches“ unter den Tisch. Du darfst Dir hier Gedanken machen, ob Du das wirklich kaufen willst, wenn Du die weichen Merkmale hinterfragst und hoffentlich ehrliche Antworten bekommst. Bewerten darfst Du sie dann selbst.

  • Todesfallschutz: Was passiert, wenn Dir etwas passiert, mit Deinem Geld? Nicht geförderte Fonds und Versicherungen sind frei vererbbar, was über Bezugsrechte, die gesetzliche Erbfolge oder entsprechende Verfügungen (‚Testament‘) geregelt wird. Bei allen staatlich geförderten Lösungen gibt es hier Einschränkungen. Sie sind zum Teil erheblich. Und sie sind sehr wenig flexibel, um an veränderte Lebensumstände angepasst werden zu können. So mancher Euro ist verloren, wenn zum Beispiel nach einer Scheidung oder nach dem Tod der EhepartnerIn keine bezugsberechtigte Person mehr da ist.
  • Kapitalwahlrecht: Die Versicherungsindustrie liebt die lebenslange Rentenzahlung. Sie verdient in der Regel fürstlich mit der Angst, dass das Geld verbraucht ist und womöglich noch gelebt wird. Bei einigen staatlich geförderten Vorsorgeformen gibt es KEIN Wahlrecht. Du MUSST eine lebenslange Rente als Bezugsform wählen oder darfst in einem anderen Fall lediglich 30% kapitalisieren. Solche eine Leibrente wird versicherungstechnisch bis mindestens Mitte 90 kalkuliert. Eine 35-jährige Person geht bei Abschluss also einen Vertrag ein, der rund 60 Jahre laufen soll oder ihr Geld für diesen Zeitraum an die Kette legt.
  • Verfügbarkeit: Staatliche Förderung bedeutet, dass Du grundsätzlich KEIN GELD VOR 60 bekommen wirst. Bei jüngeren Verträgen sogar vor 62. Der Staat fördert Deine Entscheidung, weil er Dich zum Aufbau von Altersversorgung steuern will. Und der Startpunkt wird Dir dann vorgegeben. Für kurzfristige Ziele oder unerwartete Notwendigkeiten sind solche Lösungen absolut ungeeignet.
  • Kapitalanlage: Es gelten besondere Spielregeln hinsichtlich der Kapitalanlage. Du hast so gut wie keinen Handlungsspielraum an dieser Stelle. Das ist komfortabel. In der Regel gibt es Garantievorgaben. Beispielsweise gibt es die Regel, dass mindestens die eingezahlten Beiträge zur Auszahlung zur Verfügung stehen müssen. Das klingt ja erst einmal sicher und vielleicht gut, aber die großen Chancen, die bei langfristigen Geldanlagen in den Aktienmärkten liegen, werden vertan. Die Finanzindustrie unternimmt allerlei Klimmzüge, um hier scheinbar adäquate Lösungen vermarkten zu können, die dennoch gute Renditen versprechen. Sie sind unnötig teuer, was dem enormen Aufwand geschuldet ist.
  • Steuerstundung: Es gibt aktuell kein einziges steuerfreies Finanzprodukt. Die Abgaben werden lediglich ganz oder teilweise gestundet. Das funktioniert auch, denn bei den meisten Menschen ist der Abgabensatz im Alter noch geringer als in der Erwerbsphase. Außerdem kannst Du durch Stundung aus Inflation Deine persönliche Deflation machen. Merke: Förderquote ist bei weitem nicht alles! Achte darauf, wie hoch die Abgabenlast im Leistungsbezug zuschlägt – und wenn es nur pauschal und vereinfacht ist. Die im Angebot glänzend dargestellte Leistung aus dem Förderprodukt ist nicht 1:1 vergleichbar mit einer ungeförderten Lösung.
  • Berufsunfähigkeit: Ganz besonders problematisch können biometrische Versicherungslösungen unter staatlicher Förderung wirken. Gerne bieten FinanzberaterInnen zum Beispiel die wichtige Berufsunfähigkeitsversicherung über betriebliche Direktversicherungen oder Rürup-Verträge an. Obacht: Hier sind schädliche Vorholeffekte auf Abgaben im Leistungsfall enthalten, denn auch diese Renten sind steuerpflichtige Leistungen.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

Wenn Dir Deine Freiheit wichtig ist, sei behutsam mit staatlich geförderter Altersvorsorge. Frage Dich rechtzeitig, ob Dir die Förderung um ihrer selbst Willen lukrativ erscheint. Dein Ziel sollte sein, für das Alter vorzusorgen bzw. vom Arbeitsdruck zu befreien. Hier dann nach vollständiger Würdigung ein Förderprodukt beizumischen, kann eine kluge Entscheidung sein. Förderung hat jedoch keinen Selbstzweck. Sie ist immer nur Nebenbedingung. Ist es überhaupt noch ratsam, das Leben in eine Erwerbsphase und eine Rentenphase einzuteilen? Dieser Ansatz ist vielleicht etwas in die Jahre gekommen. Wir arbeiten heute anders als unsere Vorväter und -mütter. Wir nutzen Home-Offices, machen Sabbaticals, betreiben Altersteilzeiten und wechseln häufiger die Berufung als früher. Allzu starre und staatlich geregelte Finanzpläne sind anachronistisch.

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